Arbeitskreis Mollusken NRW | Weichtier des Jahres 2011 Anisus vorticulus
Home
 
 
Anisus vorticulus
Anisus vorticulus
   
  Weichtier des Jahres 2011
Weichtier des Jahres 2011 - PDF
 
 
Die Zierliche Tellerschnecke Anisus vorticulus (TROSCHEL 1834)

 
   
Seit 2004 gehört diese kleine und unauffällige Süßwasserschnecke zu den europaweit geschützten Arten. Im Rahmen der Erweiterung der EU wurde sie in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie aufgenommen. Weil sie daher intensiv erforscht und ihre Lebensräume europaweit geschützt werden müssen, die Art in der Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt ist, wurde sie als Weichtier des Jahres ausgewählt.
   
Beim kriechenden Tier ist die funktionelle Oberseite des Gehäuses mehr oder weniger flach, die Unterseite etwas konkav. Die Farbe des Gehäuses ist hell bräunlich oder gelblich, die glatte und mikroskopisch fein spiralgestreifte Gehäuseoberfläche ist allerdings oft mit charakteristischen Verkrustungen (meist aus Eisenverbindungen) bedeckt.  
Der Tierkörper ist meist dunkel- bis hellgrau gefärbt, die lebenden Tiere wirken dunkler als Anisus vortex. Das rote, hämoglobinhaltige Blut der Tellerschnecken scheint weniger auffällig durch die Haut als bei manchen anderen Vertretern der Familie.
Der Kriechfuß der Tellerschnecken ist im Verhältnis zum Gehäuse sehr klein, dennoch kann das Tier damit geschickt zwischen den Stängeln und Blättern von Wasserpflanzen herumkriechen oder an der Wasseroberfläche flottieren. Die beiden Fühler sind wie bei den anderen Tellerschnecken fadenförmig, die Augen sitzen – wie bei allen basommatophoren Schnecken – zwischen ihnen an der Fühlerbasis.

Anisus vorticulus ist vermutlich ein Nahrungsspezialist. Die Art frisst offenbar mikroskopisch kleine Algen, die als Aufwuchs auf lebenden oder toten Pflanzen oder anderen organischen Materialien leben.

Zierliche Tellerschnecken sind Zwitter. Meist findet eine gegenseitige Befruchtung statt, es ist aber auch Selbstbefruchtung möglich. Paarungen wurden bei Tieren mit mindestens 2,5 mm Gehäusedurchmesser beobachtet, was bedeutet, dass die Tiere deutlich vor Erreichen ihrer Maximalgröße geschlechtsreif werden.

 
Die Lebensdauer der Tiere beträgt etwa eineinhalb Jahre. Sie legen im Frühling und Sommer mehrmals Eier ab, jeweils in einer eineinhalb Millimeter großen ovalen Eikapsel, die meist 4-5 (auch bis 10) gut einen halben Millimeter große Eier enthält. Im Ei entwickelt sich das Tier bis zur fertigen kleinen Jungschnecke mit Gehäuse. Nach dem Schlüpfen wächst das Tier schnell und erreicht innerhalb von ungefähr drei Monaten 4 mm Größe. Die im Frühling geschlüpften Jungtiere können also schon im Sommer selbst Eier legen und die überwinterten Erwachsenen pflanzen sich im nächsten Jahr ebenfalls noch fort. Eiablage und Entwicklung sind temperaturabhängig. In sehr warmen Jahren wurde nachgewiesen, dass sich die Tiere offensichtlich noch im November fortpflanzten. Es wurde allerdings auch beobachtet, dass sich nicht alle abgelegten Eikapseln entwickeln. Außer über die Entwicklungsbiologie der Art ist noch nicht viel bekannt, ebenso bleibt es trotz verschiedener aktueller Untersuchungen und einer genaueren Kenntnis der besiedelten Biotope schwierig, die entscheidenden Bedingungen für das Vorkommen von Anisus vorticulus allgemein zu benennen.
Seeufer als Lebensraum der Zierlichen Tellerschnecke
Die natürlichen Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke sind wahrscheinlich Flussauen und Seen. Hier besiedelt sie mehr oder weniger vom Hauptstrom abgetrennte, klare, wasserpflanzenreiche Altwässer, strömungsberuhigte Zonen bzw. in Seen den Röhrichtgürtel oder Verlandungsbereiche. Historisch kannte man auch Vorkommen in größerer Wassertiefe in unterseeischen Wiesen. Diese Populationen gibt es möglicherweise heute nicht mehr, weil die Biotope durch Eutrophierung gefährdet sind. Nasse Kalkflachmoore sind in Nordostdeutschland ebenfalls Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke. In der jetzigen Kulturlandschaft findet die Art in Gräben und selten auch in künstlich geschaffenen Stillgewässern wie aufgelassenen Torfstichen oder Tongruben Ersatzbiotope, wenn sich diese über lange Zeiträume naturnah entwickelt haben und somit den hohen Lebensraumansprüchen der Zierlichen Tellerschnecke genügen. Die höchsten Populationsdichten mit mehr als 1.000 Tieren pro Quadratmeter findet man in sonnendurchfluteten, pflanzenreichen Flachwasserbereichen, die allerdings nicht zu nährstoffreich sein dürfen. Die Tiere bevorzugen dabei die Zonen in Oberflächennähe und leben in der Vegetation. Bezüglich der Wasserführung ist die Art sehr tolerant, erträgt aber kein längeres völliges Austrocknen und keine Versalzung oder Brackwasser im Küstenbereich.
Altwasser als Lebensraum der Zierlichen Tellerschnecke
Die unter Artenschutz stehende Zierliche Tellerschnecke kommt von England bis Westsibirien vor. In Deutschland ist sie als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft und hat ihre Verbreitungsschwerpunkte in den wenigen verbliebenen naturnahen Bereichen der Auengebiete von Elbe, Rhein und Donau sowie in den norddeutschen Seen und Sumpfgebieten. Sie tritt oft in charakteristischer Gemeinschaft mit weiteren seltenen und bedrohten Weichtierarten wie der Schönen Zwergdeckelschnecke Marstoniopsis scholtzi, dem Flachen Posthörnchen Gyraulus riparius oder der Flachen Erbsenmuschel Pisidium pseudosphaerium auf. In ihren Lebensräumen wurde sogar mehrfach die Mantelschnecke Myxas glutinosa gefunden. Aufgrund der komplexen Ansprüche der Zierlichen Tellerschnecke ist die möglichst ungestörte und naturnahe Erhaltung ihre Habitate die beste Schutzstrategie, von der gleichzeitig die gesamte Begleitfauna profitiert.
Anisus vorticulus

Andere Arten der Tellerschnecken bis hin zur 4 cm großen Posthornschnecke Planorbarius corneus sind teilweise häufig und leben in den verschiedensten stehenden und langsam fließenden Binnengewässern. Sie bieten auch im heimischen Aquarium interessante Beobachtungsmöglichkeiten.