Bythiospeum husmanni
Bythiospeum husmanni
   
  Weichtier des Jahres 2009
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Husmanns Brunnenschnecke Bythiospeum husmanni (C. BOETTGER 1963)

 
   
 

Mit der Wahl der nördlichsten Brunnenschnecke Deutschlands – Husmanns Brunnenschnecke aus dem flussbegleitenden Grundwasserstrom der Ruhr in Nordrhein-Westfalen – zum Weichtier des Jahres 2009 möchte das Kuratorium die neuesten Forschungsergebnisse zu dieser Art, aber auch den bestehenden Forschungsbedarf für die gesamte Gruppe, herausstellen. Mit dieser winzigen Schnecke soll stellvertretend auf die wenig bekannte Lebewelt des in seiner Ausdehnung riesigen – heute zunehmend bedrohten – unterirdischen Lebensraums im Grundwasser der Fluss-Schotter und des Karsts und dessen spektakuläre Erforschung aufmerksam gemacht werden. Heute weiß man beispielsweise, dass Bythiospeum husmanni nur in extrem sauberem und gleichmäßig kühlem Grundwasser überleben kann. Somit kann das Vorkommen der Art gewissermaßen als Indikator für die Unbedenklichkeit des Grundwassers zur Trinkwasserversorgung gewertet werden.

 
   
 

Die turmförmigen Gehäuse sind in frischem Zustand durchsichtig und glatt. Der durchscheinende Körper gliedert sich in den spiraligen Eingeweidesack, einen Fuß (zum Kriechen und Festheften) und den Kopf mit zwei dünnen Tentakeln, an deren Basis einige weißliche Pigmentkörnchen die Stelle der zurückgebildeten Augen markieren. Die vordere Kopfpartie ist als rüsselartige Schnauze ausgebildet. Im hinteren Kopfbereich sind zwei nierenförmige rote Flecken zu erkennen, die Zungenknorpel, an denen die Muskulatur der mit vielen Reihen von jeweils sieben Zähnchen besetzten Reibzunge (Radula) ansetzt, die zum Ergreifen der Nahrung dient.

Die Tiere schaben organische Reste und Mikroorganismen (wie z.B. Bakterien) von den Steinen, auf denen sie kriechen. Mit dem hornigen Deckel (Operculum) auf dem Fußende kann das Gehäuse vollständig verschlossen werden. Die Tiere sind getrenntgeschlechtig. In die Mantelhöhle zwischen Kopf und letzter Körperwindung ragen Kiemenlamellen, die bei den Männchen insgesamt zarter ausgebildet sind, um Platz für den Penis zu lassen. Viele Details im Körperbau der Brunnenschnecken sind noch nicht endgültig erforscht.

 
  Bythiospeum husmanni erhielt seinen Namen 1963 durch den Braunschweiger Zoologieprofessor CÄSAR RUDOLF BOETTGER. Die lebend gesammelten Exemplare stammten damals aus einem Siebbrunnen in der Ruhr-Aue bei Schwerte, südöstlich von Dortmund.

Zur Beschreibung standen zusätzlich Exemplare aus Peilrohren, die zur Kontrolle der Grundwasserspiegelschwankungen eingerichtet wurden, zur Verfügung. Benannt wurde die neue Art nach ihrem Entdecker SIEGFRIED HUSMANN, um dessen verdienstvollen Beitrag zur Erforschung der Grundwasserfauna Norddeutschlands zu würdigen.

Mehr als 30 Jahre später konnten Mitarbeiter der Universität Oldenburg aus Grundwasser-Proben des Wasserwerks Wickede-Echthausen (ca. 20 km östlich von Schwerte) einige hundert Bythiospeum husmanni-Gehäuse gewinnen.

Die Anstrengungen der Arbeitsgruppe Mollusken Nordrhein-Westfalen, dieser Spur zu folgen und die Art erneut lebend nachzuweisen, hatten im Januar 2004 Erfolg. Aus 10.000 Litern Grundwasser aus demselben Wasserwerk der Wasserwerke Westfalen GmbH konnten RALF HANNEFORTH, HAJO KOBIALKA und BURKHARD WESTPHAL drei Jungtiere und ein ausgewachsenes Exemplar von Bythiospeum husmanni heraussieben. Diese Tiere hat JACQUELINE HIRSCH 2007 im Rahmen einer Diplom-Arbeit an den Universitäten Hohenheim und Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Naturkundemuseum molekulargenetisch untersucht und mit Populationen aus Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich verglichen.

Die DNS-Analysen zeigten, dass die Brunnenschnecken aus dem Ruhrtal tatsächlich eine eigenständige Art darstellen. Den Wissensstand über die Verbreitung von Bythiospeum husmanni konnten die niederländischen Wissenschaftler WIM KUIJPER und EDMUND GITTENBERGER noch erweitern, indem sie jüngst die Art aus prähistorischen und mittelalterlichen Ablagerungen des Rheins in der Provinz Gelderland, ca. 150 km nordwestlich von Schwerte, bekannt machten.

 

Brunnenschnecken kennt man aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Ungarn, Slowenien und Norditalien. Für die Vertreter dieser in der Differenzierung der Arten noch sehr unerforschten Gattung stehen allein in Deutschland über 50 wissenschaftliche Namen zur Verfügung. Auch wenn sich in zukünftigen Untersuchungen ein größerer Teil dieser Namen als Synonyme erweisen sollte, besitzt Deutschland mit Sicherheit die höchste Diversität an Brunnenschnecken.

 
 

Als erste deutsche Brunnenschneckenart wurde Bythiospeum acicula von dem Münchner Malakologen (Weichtierforscher) FRIEDRICH HELD bereits 1838 wissenschaftlich beschrieben und benannt, es handelte sich um leere Gehäuse aus einer Flussanspülung (Genist) der Isar.

Der erste, der sich später nicht mit solchen Genistfunden aus Flüssen zufrieden gab, war der Lehrer DAVID GEYER aus Köngen bei Stuttgart, von dem zwischen 1904 und 1907 in einem durchaus modern anmutendenden Forschungsprojekt viele Arten aus den unterirdischen Karstgewässern Baden-Württembergs beschrieben wurden. ROBERT LAIS erkannte 1935 die Schotter- und Kiesablagerungen der Flüsse, speziell des Oberrheins, als eigenständigen Lebensraum der Brunnenschnecken. Wieder ein Münchner Malakologe, HANS D. BOETERS, machte sich dann 1984 Gedanken zu einer umfassenden Revision der Gattung Bythiospeum in Deutschland und wertete anatomische Merkmale der winzigen Tiere aus.

Die erste Dokumentation der Lebensweise von Brunnenschnecken in ihrem Lebensraum gelang Tauchern der ARGE Blautopf in den Jahren 2004 und 2005 in Karsthöhlen der Schwäbischen Alb. Genetische Analysen an deutschen Brunnenschnecken erfolgten schließlich in der bereits oben erwähnten Diplom-Arbeit. Seit ihrer Entdeckung haben die geheimnisvollen, im Verborgenen lebenden Brunnenschnecken mehr Fragen als Antworten für die Wissenschaft parat gehabt. Nicht zuletzt wegen ihrer schwierigen Auffindung bleibt noch ein großer Forschungsbedarf, der, neben dem Einsatz modernster Methodik, nur mit viel idealistischem Einsatz zu bewältigen ist.